Olympianista #7: Sie haben meine Hermes-Baby genommen.

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Homo Faber

18.00 Uhr

Sie haben meine Hermes-Baby genommen.




Homo Faber. Ein Bericht

Der erfolgreiche Ingenieur Walter Faber liebt seine eigene, ihm unbekannte Tochter. Als diese verunglückt, begegnet Faber der Mutter zum ersten Mal wieder. Sein Ich-Bericht zeigt das Scheitern von Fabers eigener Zweckrationalität und Hannas, der Mutter, entgegengesetzter Vereinseitigung sowie die Alternative der mit sich identischen Tochter. Die Struktur des mit mythologischen und symbolischen Anspielungen durchsetzten Textes beruht auf spezifischer Montierung aus vielen Einzelteilen und auf der Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

So weit Frenzels „Daten deutscher Dichtung“ über Max Frischs Roman, geschrieben zwischen Ende 1955 und Juni 1957. „Homo Faber“ gilt mit mehr als 3,7 Millionen Exemplaren als der besten verkaufte Titel des Suhrkamp Verlages im deutschsprachigen Raum. 1991 kam Volker Schlöndorffs Verfilmung in die Kinos. Der Roman ist längst ein Klassiker und Schullektüre.

Eine wiederkehrende Rolle spielt in Roman und Film die Hermes-Baby, eine mechanische Schreibmaschine des Schweizer Herstellers Paillard-Bolex. Sie ist eine flache, leichte Reiseschreibmaschine und besonders bei Autoren sehr beliebt: Ernest Hemingway und John Steinbeck haben mit ihr die weite Welt vermessen; Friederike Mayröcker soll gesagt haben, sie sei mit ihrer Hermes Baby verheiratet.

Max Frisch setzt der Maschine ein literarisches Denkmal: Die Hermes-Baby reist mit dem Schweizer Walter Faber im Roman von La Guardia, New York, nach Caracas. Eine Notlandung des Flugzeuges führt den Protagonisten dann ungeplant nach Guatemala, später nach Paris und Avignon, Griechenland und schließlich zurück nach New York und Havanna.

Schon auf Seite 29 der deutschen Taschenbuch-Erstauflage 1977 wird die Schreibmaschine eingeführt – zuvor war Faber samt Mitreisenden in der Wüste notgelandet:

„… - ich holte meine Hermes-Baby (sie ist noch voll Sand) und spannte einen Bogen ein, Bogen mit Durchschlag …“

Und später auf Seite 32:

„Ich putzte meine Hermes-Baby.“

Walter Faber („Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind.“) reist in den 1950er Jahren um die Welt mit nicht gerade leichtem Schreibgepäck.


Max Frisch schrieb nicht gern von Hand und bevorzugte die Maschine. Sie war mehr als nur ein technisches Schreibwerkzeug. Sie bedeutete ihm von Anfang an den gewonnenen Freiraum des Schreibens und das Accessoire par excellence dessen, der sich entschieden hat, Schriftsteller zu werden. Frisch selbst war nicht wählerisch: Er schrieb auf einer Hermes, einer Olivetti, einer Remington.

„Viel Raum. Man spürt den Raum, auch wenn man nicht hinausschaut; wenn ich lese oder an der Schreibmaschine sitze
(. . .), es bleibt das Gefühl, man befinde sich am Rande der Welt“, notierte Frisch beispielhaft im Tagebuch auf Sylt im Arbeitszimmer von Peter Suhrkamp.

In der Taschenbuch-Erstauflage von Montauk aus dem Jahr 1981 heißt es auf Seite 21:

OLIVETTI LETTERA

ich kann’s nicht lassen, ich habe eine kleine Schreibmaschine gekauft ohne literarische Absicht. (Eine literarische Erzählung, die im Tessin spielt, ist zum vierten Mal mißraten; die Erzähler-Position überzeugt nicht.) Diese Obsession, Sätze zu tippen –

und später dort, auf Seite 172:

Ich habe nie Schulden gemacht, ausgenommen ein Mal: meine erste Schreibmaschine, REMINGTON PORTABLE, eine Occasion, kostet 150 Franken, ich kann aber nur 50 Franken anzahlen. Ich weiß, dass ich den Rest nie bezahlt habe…

Frischs innige, fast erotisch zu nennende Beziehung zu seiner Schreibmaschine zieht sich durch sein Lebenswerk. Während dem 1911 geborenen Züricher Schriftsteller das Maschineschreiben eine Lust ist, leistet sich sein 1921 im Kanton Bern geborene Autorenkollege Friedrich Dürrenmatt, und Bruder im Geiste, ab Mitte der 1950er Jahre eine Sekretärin. Im Buch „Max Frisch – Friedrich Dürrenmatt: Briefwechsel“ (Hrsg. Peter Rüedi, Diogenes, Zürich 1998) findet sich diese Einlassung:

„Lieber Max, (…) Wichtig: Ein Ping-Pongtisch ist angeschafft. Komme, wann du willst. Es schafft sich wundervoll mit einer Tippmamsell: Du spielst ping-pong und sie tippt.“

Der Reigen der Schreibmaschinen-Enthusiasten wird durch den Darsteller des Walter Faber, Sam Shepard, geschlossen.

Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL 24/1990 über die Verfilmung:

„Anders als im Roman ist Faber im Film kein Schweizer, sondern ein Amerikaner, der in Zürich studiert hat. Für die Hauptrolle gewann Schlöndorff mit Sam Shepard einen der vielseitigsten Stars des amerikanischen Kinos, der nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Dramatiker („Liebestoll“) und Drehbuchautor („Paris, Texas“) berühmt wurde. Vom Drehbuch fühlte sich Shepard zur Verblüffung des Regisseurs sofort angesprochen: Er, der es sonst ablehnt, in ein Flugzeug zu steigen und Liebesszenen zu spielen, überwand für diesen Film sogar seinen zweifachen Widerwillen.“

Dabei zählte der 2017 verstorbene Hauptdarsteller zu den letzten Schreibmaschinen-Enthusiasten. In der Kultdoku „California Typewriter“ beschreibt er an einer Hermes 3000 sitzend seinen Arbeitsprozess.


Homo Faber (Deutschland/Frankreich/Griechenland 1991); Regie Volker Schlöndorff, Drehbuch Rudi Wurlitzer; Hauptdarsteller: Sam Shepard (Walter Faber), Julie Delpy (Sabeth), Barbara Sukowa (Hanna)

Sehr empfehlenswert ist auch die Hörspielbearbeitung von Heinz Sommer aus dem Jahr 2018 (Produktion: Hessischer Rundfunk/Der Hörverlag) mit einer Gesamtlaufzeit von mehr als 7 Stunden verteilt auf 6 CD sowie einer Bonus-CD der hr-Bigband. Zudem wurde viel Schreibmaschinengeklapper in die Handlung gemischt.

Oliver Schulz

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